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Jordan Bigge "Licht"

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Der Baum, der kein Baum mehr sein wollte

 

Der Frühling ließ mit marsischer Kraft alle Keime treiben. Alles erfreute sich am Neubeginn und Leben. Die Oberflächenwurzeln eines Baumes wölbten die Wiese in Wellen. Sie durchpflügten die Erde, durchdrangen auflockernd und zugleich befestigend das Erdreich. Ein kräftiger, massiver Stamm erhob sich im Mittelpunkt dieses Wurzelgeästes. Schon mancher Jahresring umschloss seinen Kern und hatte ihn zu einem allem Wind, Wetter und Verletzungen trotzenden Baum reifen lassen.

Seine lichte, ausladende, verzweigte Krone beherbergte verschiedenste Vogelpaare, von denen die ersten zur Inspektion ihrer Vorjahresnester eintrafen.

Doch dieses Jahr war alles anders. So sehr sich der Baum auch anstrengte, die frischen grünen Triebe der Blätter blieben von der Knospe umfangen, wurden gelb und fielen wie Tränen zu Boden. Müde und erschöpft hingen die Zweige.

Viele Vogelpaare suchten sich schnell einen anderen Baum als neue Heimat. Aber eines hüpfte eine ganze Weile aufgeregt um ihr reparaturbedürftiges Heim herum, bis das Vogelmännchen endlich dem Baum die Frage stellte: „Warum bist du traurig? Bist du krank?“

Langsam und stockend begann der Baum zu erzählen: „Vor langer Zeit wurde ich hier gepflanzt und sollte zu einem mächtigen Baum wachsen. An drei Pfählen festgebunden, überließ man mich dieser Aufgabe. Man dachte: „ Schließlich ist er ein Baum. Es ist seine Bestimmung zu wachsen.“

Aber weder wollte ich ein Baum sein, noch wollte ich wachsen. Ich wollte zurück, dorthin, von wo ich hergekommen war.

Bis mir einfiel, dass ich nicht wusste, woher ich kam, obwohl ich eine unerklärliche Sehnsucht hatte, nach diesem Ort, den ich nicht kannte.

Mäuse fraßen meine zarten Wurzeln, Rehe zogen die frische, saftige Rinde vom rohen Holz herunter. Große Vögel brachen die wenigen dünnen Zweige ab, um sie anderswo zum Nestbau zu verwenden. Mein bernsteinbraunes Blut floss die Zweige und den Stamm hinab, verharzte und versuchte die Wunden so gut es ging zu schließen. Alles geschah ohne mein Dazutun. Die drei Pfähle hielten mich aufrecht und verhinderten ein endgültiges Aufgeben.

Eines Tages bemerkte ich eine unbekannte Färbung der Rinde. Diese hatte auch keine flache Oberfläche mehr, sondern eine raue, wulstige und harte Struktur. Die Rehe liebten es jetzt nur noch, ihr Fell daran zu schrubben. Die Mäuse konnten die starken verholzten Wurzeln nicht mehr genießen, sondern verwendeten sie zum stabileren Bau ihrer Höhlen. Statt die Zweige abzubrechen, versuchten nun die Vögel, die Astgabeln zum Nestbau zu nutzen.

Das erste Mal in meinem Leben sah ich mich um. Über mir erstrahlte ein hellblauer Frühlingshimmel. Um mich herum breitete sich eine Wiese aus, die Frühlingsblumen in allen Farben hervorbrachte. Am Fuße meines Stammes wuchs eine Blumenart, die nirgends sonst zu sehen war. Plötzlich erkannte ich, dass alleine meine Existenz die ihre ermöglichte.

Nun wollte ich wachsen und stark werden. Und ich wurde es!

Bald näherte ich mich den drei Pfähle. Wurzeln und Stamm umschlossen das Holz und machten es sich zu eigen. Schließlich stand ich frei und allein, und ich genoss es.“

Das Vogelpaar hatte bewegt zugehört, nun warf das Vogelmännchen aber doch ein: „Ich verstehe deine Traurigkeit immer noch nicht. Bitte erkläre sie mir!“

Der Baum fuhr fort: „Je weiter ich meine Krone schützend ausbreitete, um so stärker und unverletzbarer wurde der Stamm, und um so tiefer mussten sich die Wurzel festigen.

Die Blume an meinem Stamm breitete sich immer mehr aus, mein Blätterdach wurde immer mehr Vögeln ein Zuhause. Unter den Wurzeln suchten sich eine Unzahl von Tieren ihr Heim.

Nicht nur ich, sondern auch die Verantwortung für all diese Wesen wuchs mit jedem Jahr.

Verstehst du denn nicht? Nie wollte ich mich verwurzeln! Frei wollte ich sein und nur dem Himmel nah.“

Der Baum machte eine Pause. Die Äste stöhnten im leichten Frühlingswind. „Er weint!“, dachte das Vogelpaar, breitete schon die Flügel aus, um weiter zu fliegen, da flüsterte der Baum, kaum hörbar: „ Vielleicht bin ich gar kein Baum!“

Vor Überraschung sanken die Flügel der Beiden wieder an den Körper und das Vogelweibchen fragte: „Aber man sieht doch, dass du ein Baum bist. Was solltest du denn sonst sein? Und was willst du denn sein?“

Wie im Traum reckte er nun seine Äste in den Himmel und sagte: „ Ich weiß nicht, wer ich bin oder wer ich sein möchte. Aber wenn es meine Bestimmung ist ein Baum zu sein, warum wünsche ich mir so sehr, die Wurzeln heraus zu ziehen, um frei zu sein? Warum sehne ich mich danach, leicht wie ein Vogel oder eine Feder zu sein um fortzufliegen? Alles, was ich erblicken kann, befindet sich schemenhaft in weiter Ferne. Gibt es noch andere meiner Art?

Wenn ja, wie empfinden sie? Wenn es meine Bestimmung ist ein Baum zu sein, warum möchte ich manchmal schwach sein, statt stark und kräftig? Vielleicht bin ich gar kein Baum, sondern ein Vogel, der träumt er wäre einer. Wenn ich aber ein Vogel bin, warum träume ich dann, ich wäre ein Baum?“

Nach einer Zeit der Stille und Verwirrung, machte das praktische Vogelweibchen dem Baum einen Vorschlag. „Lieber Baum, vielleicht bin ich zu dumm, dies alles zu verstehen. Ich glaube was ich sehe, und ich sehe unseren Baum, der uns jahrelang Heimat und Zuflucht war. Lass uns dir diesmal helfen!“

Der Baum war viel zu müde und in seine Gedanken versunken um zu widersprechen. Nur flüchtig bemerkte er, wie die beiden nach kurzem Tuscheln davon flogen.

Nach einiger Zeit kamen sie wieder und mit ihnen all die anderen altbekannten Vogelpaare.

„So“, zwitscherte das Vogelweibchen aufgeregt, „ wir möchten mit dir ein Abkommen treffen. Du strengst dich noch einmal an, lässt eine grüne dichte Blätterkrone wachsen, damit wir wieder Schutz und Zuflucht haben und dafür darfst du an allem teilhaben, was wir sehen und erleben. Vielleicht wird damit deine Sehnsucht nach Weite und Ferne ein wenig gestillt.

Vielleicht findest du dann heraus, wer du bist. Was sagst du dazu?“

Der Baum konnte vor Betroffenheit gar nichts sagen. Er hatte nie daran gedacht, jemals jemanden um Rat oder Hilfe zu bitten. Seitdem er sich entschlossen hatte zu wachsen, lebte er aus der Kraft gebraucht zu werden, niemals anders herum.

Immer noch unsicher und verwirrt willigte er ein.

Er drängte seine Wurzeln unter schmerzhafter Anstrengung tief in die Erde. Sie verzweigten sich und tranken jeden Wassertropfen, den sie finden konnten. Wie kleine Flüsse strömte dieses Lebenselixier den Stamm hinauf und trieb in den zahlreichen Verästelungen der Krone frisches Grün aus den neu gebildeten Knospen. Im Schatten der jungen Blätter schmiegte sich auch die seltene Blume wieder an seinen Stamm. Geschäftig und ganz die Familienbildung im Sinn, bauten und flickten die Vögel ihre Nester und legten die ersten Eier. Aber sie hielten ihr Versprechen und erzählten Geschichten über ihr Leben, beschrieben die Landschaft und den Himmel. Auch die Tiere der Wiese und die Lebewesen, die zwischen seinen Wurzeln wohnten, reihten sich in die Gruppe der Erzählenden ein.

Der Baum saugte alles in sich auf und bewahrte dieses Wissen wie einen Schatz. Er lernte die unterschiedlichsten Wesen kennen: dumme und schlaue, traurige und fröhliche, lachende und weinende, lebhafte und ruhige, einfältige und fragende, träumende und praktische.

Er liebte es, die innere Wahrheit jedes Wesens herauszufinden. Mit ihren Schmerzen fand er auch seine im innersten Kern und mit einer Harzschicht überzogenen verborgenen Schmerzen wieder. Ausgestattet mit einer außergewöhnlichen Vorstellungskraft und seiner Fähigkeit zu träumen erlebte er alle Reisen und Abenteuer mit.

Als Vogel durchstreife er die Lüfte, half mit Nester zu flicken oder Neue zu bauen und erfreute sich am Aufwachsen der Jungen.

Als Maus half er mit die Höhlen zwischen seinen Wurzeln zu erstellen und als Hirsch jagte er über Wiesen und Felder und suchte Schutz im eigenen Schatten.

Er vereinte gute und schmerzliche Erinnerungen mit dem Erlebten seiner Vorstellung. Mit den Jahren und unmerklich wuchs er zu einem stillen Zuhörer und weisen Ratgeber, der gelernt hatte, die Welt und seine Wesen zu lieben.

So war es am Ende doch seine Bestimmung, ein Baum zu sein.

                                                            

                                                   Sabine Bigge, März 2000

Sabine Maria Bigge - Reiki Meisterin/Lehrerin  |  sabinebigge@web.de